ein wald nahe athen
ein text für den katalog zur ausstellung: ein wald nahe athen in stumm/zillertal, juli 2006 bis august 2006
 
Ein Wald nahe Athen
oder
der Versuch, den Riss in einer Wand darzustellen, die ihrerseits nur in der Vorstellung existiert

Prolog

Die waldreichen, grünbemoosten Berge der Danaer sind nicht dem Zorn der Götter zum Opfer gefallen. Wenn zu Zeiten erzgepanzerter Städtestürmer und ilionniederbrennender Griechensöhne, allesamt Königssöhne versteht sich, der blinde Sänger Homer die ruhmreiche Jagd ungestümer Helden auf genauso unfreundliche Wildschweineberherden beschreibt, wenn in schattigen Hainen, die kaum ein Sonnenstrahl berührt, Nymphen und Faune vorzugsweise zufällig vorbeikommende Wanderer narren – tut man sich einigermaßen schwer, das geschilderte Naturidyll auf das Jetzt zu übertragen.
Der Kahlschlag begann mit dem ersten von Menschenhand gebauten Boot, der berühmten Argo, danach folgten tausende weitere, schwarzschnäblige, pechverpichte, ruderpeitschende und oft in den grausen Wogen versinkende Galeeren, Triremen, Kutter, Nachen, Floße, Schinackel....
Den hehren Griechen folgten die Römer, die auch die geraden Tannen für ihre Kiele schätzten, die Byzantiner, die Osmanen, die Venezianer....
Heute schreit der Boden nach dem kargen Dung des Schafmists, die Felsen zeigen unverhüllt und gleißend ihre aufgeheizten Ärsche den Besuchern und Wanderern. Faune gibt es hier keine mehr – Eidechsen, ja, Zikaden auch – in dornigen Büschen und verkrüppelten Johannisbrotsträuchern. Folgt man den Pfaden hoch zu Tempelruinen, künden nicht Blätterrauschen von zeusheiligen Eichen und murmelndes Plätschern heilender Nymphenquellen das nahe Heiligtum, die Menge leerer Wasserplastikflaschen geben Zeugnis von der Anzahl der Sterne im unlängst erschienenen Alleswissertouristenabseitsderpfadeführer.
Was bleibt ist, sich die Scherben und Windeln wegzudenken, den Wind Wind sein lassen. Es ist ja auch die Sonne, die uns in die Ferne lockt – tatsächlich zu schwimmen, ohne am nächsten Tag Halsweh zu haben und am Abend auf einer Terrasse zu sitzen – und es kommt kein Gewitter, Hagel Blitze.....
Obwohl Blitze waren sein Markenzeichen, Zeus, ehemaliger Anführer der Olympier – mit seinen Blitzen konnte er Bäume und Städte in Brand setzen und Berge zum Erzittern bringen. Wie sein Kollege Hephaistos, der es vorzüglich verstand Rauchwolken zu erzeugen und als Vulkanus der Römer in den geheimnisvollen Abgründen erloschener oder vermeintlich friedlicher Vulkane seine Werkstatt hatte.
Einer dieser Rauchberge ist der Vesuv, leicht sich einzuprägendes Landmal für die unzähligen Handelsschiffkapitäne, die zu Hunderten täglich ihre Waren zu den prosperierenden Städten am Golf von Neapolis brachten. Eine Perle reihte sich an die andere. Das Kap Misenum, Ankerplatz der kaiserlichen Flotte, Baiae – Urlaubsdestination der imperialen Upperclass, Potuolanum, ein Handelsplatz ersten Ranges, Neapolis, verwinkelt wie alle alten Griechenkolonien, Herculaneum, Sommerfrischeort der Superreichen, Oplontis, mit seiner riesigen Villa der Ehefrau des Nero, Pompeji, nicht so berühmt.
Noch nicht.
Am 24. August des Todesjahres des Kaisers Vespasian, scheint Vulcanus sehr wütend gewesen zu sein. Just an diesen Tagen bereitete sich die gesamte Golfschickeria samt Sklavenvolk auf die Feierlichkeiten der Vulcanalien vor – Spiele sollte es geben, weiße Stiere sollten geopfert werden, Tempel eingeweiht und anschließend ausgelassen gefeiert werden.
Schon seltsam, betritt man heute die Stadt durch die Porta Marina, vorbei an den Bädern der Unterstadt, nimmt man das Gewusel wahr, tausende Menschen, aller Nationalitäten und Sprachen, riecht man den Atem des Lebens, das Schweißsonnencremegemisch – und plötzlich ist die Stadt wieder am Leben – die Ruinen bilden den Hintergrund für dieses Spiel unter dem Vulkan. Schaurigschön der friedliche Berg der schon vor Jahrzehnten sein letztes Rauchwölkchen verloren hat. Die Straßen sind wieder mit Menschen gefüllt, laute, durstige, wissbegierige, hungrige, gelangweilte, gehetzt den Führer suchende – nur die Esel und die Ochsen fehlen, dafür gibt es unzählige Hunde. Edle, gepflegte Touristenhunde, die mit Plastikschüssel und separater Wasserflasche, und die anderen, sie sind hinter jeder Mauer, in jedem Patio, verfolgen die Menschenströme, sie sind nicht aggressiv, aber beobachtend, wie auf den richtigen Moment wartend, auf einen richtigen Moment, ein losbestimmter, geweissagter....Diese Pompejianer weichen den Blicken aus, trotten davon. Ich schlendere an der Basilica vorbei, biege nach links auf das große Forum. Hier ist das Szenario perfekt: Tempel, Ruinen und der Vesuv im Hintergrund – schaurig. Aber die Via dell’abbondanza trägt mich nach Süden- vorbei an Gaststätten, versiegten Brunnen, der Villa des reichen Polybius, hin zum Amphitheater. Dort sind wohl dieser Tage weniger Besucher als damals – im Amphitheater war was los, dort wurden Häuser verwettet und Prügeleien ausgetragen. Auch die Hunde sind nicht mehr da – nicht mehr zu sehen. Stattdessen sehe ich sie da liegen – im Haus der Flüchtenden –hier sind ein paar Pompejianer zusammengetroffen, wollten sich einen Fluchtweg überlegen, wollten eine Minute verschnaufen.
Zurück zur Villa des Menander, dann rechts, bis hinauf zur Stadtmauer, zur Porta Vesuvio. Dort ist es immer ruhig, hier gibt es nichts Besonderes zu sehen, nur die Stadtmauer, die Türme, das Umland.
Ich folge dem Weg, Pinien, Zypressen, das geschäftige Pompeji zu meiner Linken. Auch ein Hund ist wieder da – ich habe übrigens das berühmte Cave Canem noch nicht entdeckt. An der Porta Ercolano wird es wieder betriebiger – müde und durstige Besucher schleppen sich den Weg hinaus Richtung Vesuv - - Richtung Villa dei Mysteri. Vorbei an Grabmälern, Inschriften, Stelen. Der Blick in manche Triklinen und Atrien hat mich zwar von der Wunderbarkeit der pompejianischen Freskomalerei schon überzeugt, die Reste dessen was nicht heruntergeschlagen und nach Neapel transportiert worden war – aber die Einzigartigkeit der Darstellungen in der Villa der Mysterien ließen mich die Hitze und das vorher Gesehene vergessen: ein vierseitiger Freskenzyklus trifft ohne Vorwarnung auf den Betrachter. Menschen der Antike werden lebendig und erzählen stumm, in sich gekehrt, ihre Geschichte. Gruppen, Einzelpersonen, vielschichtige Blickachsen, hervortretend, verharrend, steuert die Erzählung einem Höhepunkt zu. Dieser Punkt ist im Raum nicht wirklich zu fassen, jeder Dargestellte ist Hauptperson, es gibt keine Nebenrollen. Ernste Insichgekehrtheit kontrastiert durch Spott und Spaß. Kinder und Alte betrachten den Weg des Lebens. Und ich beschloss, eines Tages .................

P.S. Zurück in der Stadt, traf ich bald schon auf die Villa des Tragischen Poeten – und da war er – der angekettete, zähnefletschende, schwarz-weiß-gefleckte ewige Hüter und auch sein Blick geht an mir vorbei.

1. Ein Wald nahe Athen
Mit dieser Szenenbeschreibung beginnt Shakespeare seinen Sommernachtstraum, und dies wollte auch ich an den Beginn der Ausstellung stellen. Wie im Prolog kurz angedeutet war der Wald stofflich schon nicht mehr da in der Mitte des 17. Jahrhunderts, und doch stellte er über all die Jahrhunderte den Hintergrund für Geheimnisvolles, Zauberhaftes. Die Märchen spielen gern in dichten Wäldern, Sagenhelden töten Drachen in dieser Umgebung, Hexen ( vom germanischen haxa- Hecke) finden dort ihre Kräuter und Opfer, Odysseus pflückt das Zauberkraut Moly in einem Wald und kann dadurch dem Zauber der Kirke wiederstehen – vorerst. In der Natur, der unbestellten, treffen sich seltsame Wesen, geschehen Wunder. Das Haus der Jungfrau Maria wurde auf wundersame Weise in einem Wald in Italien von Engeln abgesetzt, wundertätige Quellen entspringen in Wäldern, Grotten offenbaren Marienerscheinungen. Der Wald vor Athen ist nicht mehr da, man muss ihn sich vorstellen um in die Wunderwelt Shakespeares einzutauchen, die Feenwelt ist vergangen.
Mein Wald soll auf dem Weg durch die Ausstellung begleiten, vorbei an den Skulpturen zum Hauptort.
Die einzelnen Kartons sind gelackt und mit variierenden Serigraphien bedruckt.

2. Skulpturen
Die ausgestellten Skulpturen entstanden im letzten und im heurigen Jahr. Sie sind nach der Methode des verlorenen Gusses in Bronze gefertigt. Ausgangsmaterial war Styropor. Ganz bewusst wählte ich dieses Material. Ich kann damit die uralte Technik des Bronzegusses mit einem modernen Werkstoff verbinden. Das wertlose Ausgangsmaterial, geformt mit Messer und heißer Drahtschlinge, collagiert aus verschiedensten Bruchstücken, erfährt durch den Abguss in Bronze Erhabenheit, Einzigartigkeit, Tiefe.

3. Mura dei Mysteri
Mit diesem Zyklus versuche, ich meine Seherlebnisse des Pompejibesuchs zu bearbeiten. Szenen und Figuren sind teilweise direkt übernommen, in einen neuen Kontext gesetzt. Der Weg durch das Leben, Initiation und alltäglicher Ritus bilden das Grundgerüst, Ballerinaschuhe und Bilder ungeborener Kinder veranschaulichen Wünsche und Ängste. Und der Hund begleitet auch hier den Betrachter.
Teile der Komposition treten aus der Zweidimensionalität. Das ausgestopfte Geißlein, die Opferschale, die Maske der Gaukler, der mit zartem Schleier verhüllte Omphalos. Der vierseitige Raum in der Villa unter dem Vesuv faltet sich auf zu einer durchlaufenden Wand. Das zentrierende Antikenweltbild gerät zur linearen Erzählung – sein Anfang ist vom Endstandpunkt aus nicht mehr zu erkennen.

4. Das Theater
Noch einmal das Waldmotiv. Geballt, konzentriert in gestaffelten Tiefen. Der Blick wird zu einer Skulptur gezogen, der wohl menschliche Maße zugrunde liegen, zugleich baut sie sich aus geometrischen Körpern auf, Kegel, Zylinder, Viertelkugel. Die marmorerscheinende Oberfläche verleiht ihr die Distanz einer antiken Skulptur, doch diese Figur ist lediglich aus gipsernen Hohlformen der Keramikindustrie zusammengebaut. Und trotzdem behauptet sie ihren Raum in der Mitte der Guckkastenbühne – palladioesque Hauptfigur auf einer Renaissancebühne a la Palladio.

5. Video: Der Versuch, den Riss in einer Wand darzustellen, die ihrerseits nur in der Vorstellung existiert.
Mit der digitalen Bildtechnik der Jetztzeit endet der Pfad durch den Wald. Doch verlangt diese Darstellungsform, ohne jede Öl-, Leinwand-, Pinsel- und Firnisromantik, nach der gleichen Fähigkeit des Betrachters, wie vor einem Bild, einer Skulptur – die Fähigkeit, sich einen Wald vorzustellen, wo heute heiße Felsen sind, sich eine Wand vorzustellen, die zwei shakespearesche Liebende trennt. In diesem Video legen Arbeiter ein vor langer Zeit zugemauertes Fenster frei – der Betrachter hat mit dem Künstler die Aufgabe, diesen Prozess zu vollenden, sich vielleicht schon die neue Fassung, die neue Bleiverglasung vorzustellen.

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