|
Ein Wald nahe Athen
oder
der Versuch, den Riss in einer Wand darzustellen, die ihrerseits nur
in der Vorstellung existiert
Prolog
Die waldreichen, grünbemoosten Berge der Danaer sind nicht
dem Zorn der Götter zum Opfer gefallen. Wenn zu Zeiten erzgepanzerter
Städtestürmer und ilionniederbrennender Griechensöhne,
allesamt Königssöhne versteht sich, der blinde Sänger
Homer die ruhmreiche Jagd ungestümer Helden auf genauso unfreundliche
Wildschweineberherden beschreibt, wenn in schattigen Hainen, die
kaum ein Sonnenstrahl berührt, Nymphen und Faune vorzugsweise
zufällig vorbeikommende Wanderer narren – tut man sich
einigermaßen schwer, das geschilderte Naturidyll auf das Jetzt
zu übertragen.
Der Kahlschlag begann mit dem ersten von Menschenhand gebauten
Boot, der berühmten Argo, danach folgten tausende weitere, schwarzschnäblige,
pechverpichte, ruderpeitschende und oft in den grausen Wogen versinkende
Galeeren, Triremen, Kutter, Nachen, Floße, Schinackel....
Den hehren Griechen folgten die Römer, die auch die geraden
Tannen für ihre Kiele schätzten, die Byzantiner, die
Osmanen, die Venezianer....
Heute schreit der Boden nach dem kargen Dung des Schafmists, die
Felsen zeigen unverhüllt und gleißend ihre aufgeheizten Ärsche
den Besuchern und Wanderern. Faune gibt es hier keine mehr – Eidechsen,
ja, Zikaden auch – in dornigen Büschen und verkrüppelten
Johannisbrotsträuchern. Folgt man den Pfaden hoch zu Tempelruinen,
künden nicht Blätterrauschen von zeusheiligen Eichen und
murmelndes Plätschern heilender Nymphenquellen das nahe Heiligtum,
die Menge leerer Wasserplastikflaschen geben Zeugnis von der Anzahl
der Sterne im unlängst erschienenen Alleswissertouristenabseitsderpfadeführer.
Was bleibt ist, sich die Scherben und Windeln wegzudenken, den
Wind Wind sein lassen. Es ist ja auch die Sonne, die uns in die
Ferne
lockt – tatsächlich zu schwimmen, ohne am nächsten
Tag Halsweh zu haben und am Abend auf einer Terrasse zu sitzen – und
es kommt kein Gewitter, Hagel Blitze.....
Obwohl Blitze waren sein Markenzeichen, Zeus, ehemaliger Anführer
der Olympier – mit seinen Blitzen konnte er Bäume und
Städte in Brand setzen und Berge zum Erzittern bringen. Wie
sein Kollege Hephaistos, der es vorzüglich verstand Rauchwolken
zu erzeugen und als Vulkanus der Römer in den geheimnisvollen
Abgründen erloschener oder vermeintlich friedlicher Vulkane
seine Werkstatt hatte.
Einer dieser Rauchberge ist der Vesuv, leicht sich einzuprägendes
Landmal für die unzähligen Handelsschiffkapitäne,
die zu Hunderten täglich ihre Waren zu den prosperierenden Städten
am Golf von Neapolis brachten. Eine Perle reihte sich an die andere.
Das Kap Misenum, Ankerplatz der kaiserlichen Flotte, Baiae – Urlaubsdestination
der imperialen Upperclass, Potuolanum, ein Handelsplatz ersten Ranges,
Neapolis, verwinkelt wie alle alten Griechenkolonien, Herculaneum,
Sommerfrischeort der Superreichen, Oplontis, mit seiner riesigen
Villa der Ehefrau des Nero, Pompeji, nicht so berühmt.
Noch nicht.
Am 24. August des Todesjahres des Kaisers Vespasian, scheint Vulcanus
sehr wütend gewesen zu sein. Just an diesen Tagen bereitete
sich die gesamte Golfschickeria samt Sklavenvolk auf die Feierlichkeiten
der Vulcanalien vor – Spiele sollte es geben, weiße Stiere
sollten geopfert werden, Tempel eingeweiht und anschließend
ausgelassen gefeiert werden.
Schon seltsam, betritt man heute die Stadt durch die Porta Marina,
vorbei an den Bädern der Unterstadt, nimmt man das Gewusel wahr,
tausende Menschen, aller Nationalitäten und Sprachen, riecht
man den Atem des Lebens, das Schweißsonnencremegemisch – und
plötzlich ist die Stadt wieder am Leben – die Ruinen bilden
den Hintergrund für dieses Spiel unter dem Vulkan. Schaurigschön
der friedliche Berg der schon vor Jahrzehnten sein letztes Rauchwölkchen
verloren hat. Die Straßen sind wieder mit Menschen gefüllt,
laute, durstige, wissbegierige, hungrige, gelangweilte, gehetzt den
Führer suchende – nur die Esel und die Ochsen fehlen,
dafür gibt es unzählige Hunde. Edle, gepflegte Touristenhunde,
die mit Plastikschüssel und separater Wasserflasche, und die
anderen, sie sind hinter jeder Mauer, in jedem Patio, verfolgen die
Menschenströme, sie sind nicht aggressiv, aber beobachtend,
wie auf den richtigen Moment wartend, auf einen richtigen Moment,
ein losbestimmter, geweissagter....Diese Pompejianer weichen den
Blicken aus, trotten davon. Ich schlendere an der Basilica vorbei,
biege nach links auf das große Forum. Hier ist das Szenario
perfekt: Tempel, Ruinen und der Vesuv im Hintergrund – schaurig.
Aber die Via dell’abbondanza trägt mich nach Süden-
vorbei an Gaststätten, versiegten Brunnen, der Villa des reichen
Polybius, hin zum Amphitheater. Dort sind wohl dieser Tage weniger
Besucher als damals – im Amphitheater war was los, dort wurden
Häuser verwettet und Prügeleien ausgetragen. Auch die Hunde
sind nicht mehr da – nicht mehr zu sehen. Stattdessen sehe
ich sie da liegen – im Haus der Flüchtenden –hier
sind ein paar Pompejianer zusammengetroffen, wollten sich einen Fluchtweg überlegen,
wollten eine Minute verschnaufen.
Zurück zur Villa des Menander, dann rechts, bis hinauf zur Stadtmauer,
zur Porta Vesuvio. Dort ist es immer ruhig, hier gibt es nichts Besonderes
zu sehen, nur die Stadtmauer, die Türme, das Umland.
Ich folge dem Weg, Pinien, Zypressen, das geschäftige Pompeji
zu meiner Linken. Auch ein Hund ist wieder da – ich habe übrigens
das berühmte Cave Canem noch nicht entdeckt. An der Porta Ercolano
wird es wieder betriebiger – müde und durstige Besucher
schleppen sich den Weg hinaus Richtung Vesuv - - Richtung Villa dei
Mysteri. Vorbei an Grabmälern, Inschriften, Stelen. Der Blick
in manche Triklinen und Atrien hat mich zwar von der Wunderbarkeit
der pompejianischen Freskomalerei schon überzeugt, die Reste
dessen was nicht heruntergeschlagen und nach Neapel transportiert
worden war – aber die Einzigartigkeit der Darstellungen in
der Villa der Mysterien ließen mich die Hitze und das vorher
Gesehene vergessen: ein vierseitiger Freskenzyklus trifft ohne Vorwarnung
auf den Betrachter. Menschen der Antike werden lebendig und erzählen
stumm, in sich gekehrt, ihre Geschichte. Gruppen, Einzelpersonen,
vielschichtige Blickachsen, hervortretend, verharrend, steuert die
Erzählung einem Höhepunkt zu. Dieser Punkt ist im Raum
nicht wirklich zu fassen, jeder Dargestellte ist Hauptperson, es
gibt keine Nebenrollen. Ernste Insichgekehrtheit kontrastiert durch
Spott und Spaß. Kinder und Alte betrachten den Weg des Lebens.
Und ich beschloss, eines Tages .................
P.S. Zurück in der Stadt, traf ich bald schon auf die Villa
des Tragischen Poeten – und da war er – der angekettete,
zähnefletschende, schwarz-weiß-gefleckte ewige Hüter
und auch sein Blick geht an mir vorbei.
1. Ein Wald nahe Athen
Mit dieser Szenenbeschreibung beginnt Shakespeare seinen Sommernachtstraum,
und dies wollte auch ich an den Beginn der Ausstellung stellen.
Wie im Prolog kurz angedeutet war der Wald stofflich schon nicht
mehr da in der Mitte des 17. Jahrhunderts, und doch stellte er über
all die Jahrhunderte den Hintergrund für Geheimnisvolles,
Zauberhaftes. Die Märchen spielen gern in dichten Wäldern,
Sagenhelden töten Drachen in dieser Umgebung, Hexen ( vom
germanischen haxa- Hecke) finden dort ihre Kräuter und Opfer,
Odysseus pflückt das Zauberkraut Moly in einem Wald und kann
dadurch dem Zauber der Kirke wiederstehen – vorerst. In der
Natur, der unbestellten, treffen sich seltsame Wesen, geschehen
Wunder. Das Haus der Jungfrau Maria wurde auf wundersame Weise
in einem Wald in Italien von Engeln abgesetzt, wundertätige
Quellen entspringen in Wäldern, Grotten offenbaren Marienerscheinungen.
Der Wald vor Athen ist nicht mehr da, man muss ihn sich vorstellen
um in die Wunderwelt Shakespeares einzutauchen, die Feenwelt ist
vergangen.
Mein Wald soll auf dem Weg durch die Ausstellung begleiten, vorbei
an den Skulpturen zum Hauptort.
Die einzelnen Kartons sind gelackt und mit variierenden Serigraphien
bedruckt.
2. Skulpturen
Die ausgestellten Skulpturen entstanden im letzten und im heurigen
Jahr. Sie sind nach der Methode des verlorenen Gusses in Bronze
gefertigt. Ausgangsmaterial war Styropor. Ganz bewusst wählte
ich dieses Material. Ich kann damit die uralte Technik des Bronzegusses
mit einem modernen Werkstoff verbinden. Das wertlose Ausgangsmaterial,
geformt mit Messer und heißer Drahtschlinge, collagiert aus
verschiedensten Bruchstücken, erfährt durch den Abguss
in Bronze Erhabenheit, Einzigartigkeit, Tiefe.
3. Mura dei Mysteri
Mit diesem Zyklus versuche, ich meine Seherlebnisse des Pompejibesuchs
zu bearbeiten. Szenen und Figuren sind teilweise direkt übernommen,
in einen neuen Kontext gesetzt. Der Weg durch das Leben, Initiation
und alltäglicher Ritus bilden das Grundgerüst, Ballerinaschuhe
und Bilder ungeborener Kinder veranschaulichen Wünsche und Ängste.
Und der Hund begleitet auch hier den Betrachter.
Teile der Komposition treten aus der Zweidimensionalität. Das
ausgestopfte Geißlein, die Opferschale, die Maske der Gaukler,
der mit zartem Schleier verhüllte Omphalos. Der vierseitige
Raum in der Villa unter dem Vesuv faltet sich auf zu einer durchlaufenden
Wand. Das zentrierende Antikenweltbild gerät zur linearen Erzählung – sein
Anfang ist vom Endstandpunkt aus nicht mehr zu erkennen.
4. Das Theater
Noch einmal das Waldmotiv. Geballt, konzentriert in gestaffelten
Tiefen. Der Blick wird zu einer Skulptur gezogen, der wohl menschliche
Maße zugrunde liegen, zugleich baut sie sich aus geometrischen
Körpern auf, Kegel, Zylinder, Viertelkugel. Die marmorerscheinende
Oberfläche verleiht ihr die Distanz einer antiken Skulptur,
doch diese Figur ist lediglich aus gipsernen Hohlformen der Keramikindustrie
zusammengebaut. Und trotzdem behauptet sie ihren Raum in der Mitte
der Guckkastenbühne – palladioesque Hauptfigur auf einer
Renaissancebühne a la Palladio.
5. Video: Der Versuch, den Riss in einer Wand darzustellen, die
ihrerseits nur in der Vorstellung existiert.
Mit der digitalen Bildtechnik der Jetztzeit endet der Pfad durch
den Wald. Doch verlangt diese Darstellungsform, ohne jede Öl-,
Leinwand-, Pinsel- und Firnisromantik, nach der gleichen Fähigkeit
des Betrachters, wie vor einem Bild, einer Skulptur – die Fähigkeit,
sich einen Wald vorzustellen, wo heute heiße Felsen sind, sich
eine Wand vorzustellen, die zwei shakespearesche Liebende trennt.
In diesem Video legen Arbeiter ein vor langer Zeit zugemauertes Fenster
frei – der Betrachter hat mit dem Künstler die Aufgabe,
diesen Prozess zu vollenden, sich vielleicht schon die neue Fassung,
die neue Bleiverglasung vorzustellen.
|