schatten aus gondwana

dieser text entstammt dem bildband
"schatten aus gondwana"
das bestreben, die uns umgebende welt, die fassbare wie die unfassbare, zu klassifizieren, ist wohl schon sehr alt.
schon der bewohner von gondwana hat eingeteilt in zweige, die zum insektenaufspießen gut sind und jene, die dürr genug, beim rechten mond aufgeschlichtet, den mächtigen feuerbringenden blitz anziehen.
aber dieser blitz ließ sich nicht immer locken, dieser wolkenfunke hat ein eigenleben - den kümmert es nicht, ob die zeremonien vollführt, die geiß geschlachtet, der schamane rasiert ist - er lässt auf sich warten, die erdlöcher dunkeln in der nacht vor sich hin, die ure brüllen, die mammuts, die wolligen ringelhornträger, haben den urkontinent schon vor langem verlassen - unsere ahnen, die schon wussten, die bananenzweige von den sumpfgrasstengel zu unterscheiden, letztere sind ideal zum rückenkratzen, sollten bald folgen, gondwana verändert sich - die nächte sind plötzlich so hell.

und sie verlassen den riesenkontinent, in gruppen, in familien, zu zweit, allein.

es ist nicht viel mitzutragen, ein sumpfgrasstengel, ein insektenspießchen, ein blitzzweiglein - man weiß ja nie, sollte unterwegs jemand ein feuerchen machen wollen.

das feuer, ist wie der blitz - er lässt sich locken, ja, bis zu einem gewissen grad - das feuer ist wählerisch, der funke will nicht in jedes laub springen, und daraufgeregnet oder ausgeblasen ist da bald.
ganz anders der feuersturm, die hitze kommt über die berge, noch bevor die schwarzen wolken von der walze künden, die hitze kommt durch die täler, noch bevor die tiere, jäger und gejagte in panik flüchten, die hitze ist ungebändigt, sie verkündet das glühen, das zischen, die hitze ist die vorbotin von dem einen, das alles vernichtet, umformt, erschafft.
im feuer steckt die kreatürlichkeit.

lehmpatzen
neben
feuerstelle
das kennen wir.
weinende steine, aber
blutende brocken aber
rotglühende milchgeber aber
gelbschwitzender sand aber
purpurpechende schiefer aber
schwarztropfende stalaktiten aber

das waren veränderungen

das gibt rostige nägel und
löwenmähnerasierende pfeilspitzen und
ohrläppchenumkosende teuertränen und
verwandtenmordende messerchen und
silbergänzende döschen und
langsam vergrünende kirchendachplatten und
fingerumschmeichelnde geburtstagsgeschenke und
leise rauschende kästchen mit flimmernden tafeln und
kästchen mit tastatur, aber die ist aus plastik und
bauchladungen voller versunkener schiffe und
schiffe, prächtige, von denen man sagt, sie seien unsinkbar, und
messingschimmernden blitzzweigersatz - wirkungslos auch
doch recht nützlich um insekten aufzuspießen.


und es sind geschichten
von göttern
tieren
menschen
helden
frauen


jungrauen vorzugsweise
als königstöchter
sind
sie
schon
im spiel -
königstochterspiel


dieses spiel
spielen sie
geschickt
mit flinker hand
und was weit wichtiger
ein hauch von
chiton nur
bedeckt die
brust die
knospende
ein nichts
dieses tuch so
feingesponnen
levantinisch - so weit ist's von dort nicht mehr zu den chinesen


und wie schon
immer die
tiefsten geschichten
aus chinesischer
raupenseide gesponnen
wie das papier aus chinesischem
raupenpapier
das schießpulver aus chinesischem
raupenruß
die raupennudeln
der raupendrache
die raupenmauer
der raupenplatz des friedens
der raupenreis
das raupenporzellan
der raupenmao

aber die
griechen
die wirklich alten
brauchten
all das nicht

ihnen war das meer
ihnen war die sonne
ihnen war der blinde sänger
ihnen war der okeanus
atlas
parnass
ihnen war arkadien
ihnen war melos
delos
naxos
mykonos
paros
ihnen war der marmor
der parische
ihnen war die bronze
von bronze die becher
auf den tischen der helden
die speerspitzen an den
biegsamen schäften
die schilde, die nägel
die kannen, das zaumzeug
die kronen der könige
könige so unzählig wie die schafe am idagebirge
und manch einer behütete eine zarte prinzessin
freude der mutter
stolz des vaters
aber aufgabe für alle
andere könige mochten
schafherden ihr eigen nennen
zehn kühe
einen sänger, einen blinden
ruderboote
kesselflicker
glückliche heißt man sie


prinzessinnen wollen erst
kücken
zum spielen
geißlein
zum ausführen
kätzchen
zum streicheln
fohlen
zum herumtoben
und wenn sie
durchsichtige
chitons
wollen
blumen in den locken

oh könig

hüter
des hauses
des hofes
herrscher über
zwanzig schweine
zwei kesselflicker
hundert rebstöcke


hüte
sie gut
deine kühe und
sperre
den
stier
in den
pferch


wachs
handweich
schmeichelt
die
form
bienenbraun


verloren
nach dem guss
das wachs
rinnt aus der form
zerrinnt
die
form
verliert
sich und
die
bronze
gelbweiß
tritt an ihre
stelle

schimmert
und
glänzt
fängt
das
licht
zum spiegel
poliert


reflektiert
sie
helligkeit
und
dunkelheit
ist
handwarm
weicher
als
wachs


von
dummköpfen
die sich vor
städten
wohlumgürtet
die köpfe
einschlagen
lassen werden
wird von den sängern
den
blinden
erst in vielen
tausend
jahren zu
berichten
sein
von
schwarzschnäbeligen
schiffen
ä chzenden tauen
pechigen fackeln


aber
zuerst
ü berquert mit dem mädchen
die kultur
die ägäis
und
ihre
reise
wird
prozession

raub
und
auffindung
transformation
und
transitus

und das bild
ward in den
hain
gebracht
und
verehrt
und
eine
göttin
ahnten
sie
in dem holz
gesplittert
in dem marmor
abgeschlagen
in der bronze
patinaverkrustet

also
kam die göttin
ihre gestalt
war gebet
fein gearbeitet der kopf
das haar wie
schlangen
schafherden
die sich von den
bergflanken
in
die tiefe trollen
die schattige
hier fehlt
eine hand
zerfressen das
antlitz
das süße
herrlich der nacken
der schwung
ein lächeln
erkennbar
spöttisch

standbild
gehbild


götterbild
flugbild
wie
die
inselwelt


die
patina
türkisblau
grünspan auch


am chiton
ein
bronzener
hauch
von
nichts

zurück bleibt
trauer

ahnung

schattiges schwarz
unter

zypressen


suchen
rätseln

spuren wittern

nach stunden lockt die quelle
nach tagen die tafel

mädchen - man wird dich vergessen


allein
die künstler
die
es verstehen
ein bild
nach der natur zu formen
ein abbild
nach der erzählung
mit ihren werken
zu fernen welten
sprechen
sie nehmen den wunsch
die hoffnung
das flehen
und geben
was im lampenschein lebendig zuckt
zu hymnen schaurig blinzelt
zu riten himmel öffnet
saftige gräser sprießen lässt
das meer besänftigt
der kuh zum kalb verhilft
und blitze lockt

der bildhauer
schafft
den weg, die tür, das schloss
der kult ist nur der reiseführer
einsteigen
dort
die wirkungsstätte
des philosphen
hinten rechts sein grab
bitte
nicht mit dem fahrer sprechen
schauen sie
bitte nur aus dem fenster
wenn sie ihr reisebegleiter
dazu auffordert
er weiß
was sie sehen wollen
was sie sehen müssen
was sie sehen dürfen
kleine verletzungen
behandeln wir
mit unserer reiseapotheke
nur weiter
wir haben einen fahrplan
es wird nicht gegessen in unserem fahrzeug
die frauen links
in fahrtrichtung gesehen
männer rechts, an der seite mit den ausgängen


in der letzten bank sitzen immer die witzbolde
aufmüpfig
bis auch sie ermüden
dort das stammschloss der hiesigen herrscherfamilie
die fahrt dauert
es wird gesungen
in den letzten sitzreihen
singen ist gut
und bald ist es dunkel
da hört dann das gefrage und
fenstergegaffe auf
einschlafen
künstler schaffen die
straßen
via sacra


ich habe mir schon einige
dieser
heiligen
wege
angesehen


auf
samos zum heratempel
in
aquileia
zum hafen
auf
delos
entlang der penisallee
die berühmte
via sacra
von
milet
nach
dydima


in pergamo
unter dem
steiltheater
in
ostia
zum stadttempel
in
ephesus

thermessos

pompeji

herculaneum

roselle

 

 


ausgetreten
von den spuren der
pilger
händler
gaukler
prozessionen
handwerker
schüler
soldaten
sklaven
kranken
neureichen
stein an stein
zu den tempeln hin
wie
dort

 

in terracina
beim tempel
des
jupiter anxur
ein seltsamer
weg
in sorano
hin zu den
bestattungsplätzen
der
etrusker
eingekerbt
nur
totenwagenbreit
ein schnitt
durch den
tuffberg


das laubdach
spannt sich
ü ber den korridor
licht
fällt nicht mehr
auf die
braunbemooste
trasse
rillen
wie von
wagenrädern
schürfungen
im tuff
die biegung
lässt
den ausgang
nur
erahnen
in den furchen
schwarzes
wasser


räder
haben diese
furchen einst
vor vielen jahren
hinterlassen
karrenräder
die karren waren wohl
nur mittel
geführt
wurden die toten
ein letztes mal
zum letzten fest
zur letzten jagd
bekleidet
geschmückt
für die ewigkeit
ausgerüstet
für die
letzte reise
mit magischen statuetten
figuren
bildern
reisefiguren
ankommensbilder


mit krügen beladen
der wagen
mit roten figuren auf schwarzem grund
mit gelbbraunen szenen auf rotem grund
dort ein
löwenfelltragender herkules
ein totwunder achilleus
charun der totengott
krieger auf pferden
deren füße scheinbar viel zu lang
nur scheinbar
denn sie
mussten weit
die toten tragen

 

auch stoffe
trugen
die
wagen
feinstgesponnen
wie
das
totentuch
das
penelope
die
edle
in
zehnjährigem
fitzelwerk
ihrem
vater
zu weben gelobt
ja, der vater war`s
und nicht der gatte

 

und figuren
trug der
wunderwagen
aus holz
die ehrwürdigen
ahnen
rissig und schwarz
sie sollen
der tochter
dem sohn
die richtung
weisen

 

aus ton
dem ehrwürdigen
steingewordener
lehm
aus
vatererde
bemalt
mit feinsten
pinselstrichen
war jeder fleck bedeutung
bedeutet farbe
leben
rote lippen
ewigkeit
geöffnete augen
zuversicht
lächeln
wiederkehr

 

aus ton
die krüge
weihealtäre
schwarz gefärbtes
bucchero
schwarz
wie
alte
bronze


und
bronze
schließlich
tausendfach
kleinste figürchen
weihegaben
bittgeschenke
dienerscharen
zu metall
gewordene
wünsche
hoffnungen
aufgeladen
durch
die magie
der herstellung
ihren schwung der linie


für
den
kult
entstanden
all
die
feuersicher
diebstahlversichert
und hinter glaswänden
aufbewahrten
ausgegrabenen
ausgeschöpften
grabgeräuberten
museumskonservierten
wunderdinge

 

 

kupfer
und
zinn
zur unvergänglichkeit
verdammt
patina
in allen farben
von der erde
geschenkt
die salze
und säuren
wirkten tausende
jahre
verkrustet
veredelt

 


religionen
sind
ein
produkt
der
gesellschaft
wie
die
bombe
die
ultimative
zaubergärten
wie der
in bomarzo
sind kein
produkt
der gesellschaft

 

das ist
zu einfach

 

aus
einzelnem
zum ganzen
formen
neuformen
das ist kein
produkt
der
gesellschaft


das
ist
der
weg
via


straßennetze
busparkplätze
ü bervolle
abfallkörbe
nirostaklosetts
sind produkte der gesellschaft
nicht
der
pfad
der schattige

 

wagen
und
ihre räder

ochsen
esel
pferde
dampfmaschinen
rußpartikelfilter
hybridantriebe
das sind
produkte
der
gesellschaft

 

zweirad
vierrad
räterepublik
beirat
kunstbeirat

produkte der gesellschaft

 

kommissionen
mit
kitsch
oder
kunst
vorangestellt
sind
ein produkt
der gesellschaft

 

die
zwei
m
in
kommission
haben wir
auch
im
wörtchen
kommod

 


kommoden
sind
schubladen
ablagen
einordner
für
einteiler

kommoden
sind
ein produkt
der gesellschaft

 

das
blitzhölzchen
hat feuer
gefangen

schatten
aus
gondwana


 

 
www.ms-lahnbach.at
2004
> texte
> atelier